Auf der Straße I/13 von Most nach Jirkov fahren Sie an einer Stelle vorbei, an der ein Fluss unter der Erde verschwindet. Zu sehen sind nur Felder und ein Damm. Die Bílina fließt hier drei Kilometer durch vier Stahlrohre und kommt erst am anderen Ende wieder zum Vorschein. So ist es seit 1981. Im Juli 2026 begannen die Arbeiten, die das ändern sollen.
Wo: Ervěnický koridor zwischen Most und Jirkov, Gemeindegebiet Vrskmaň
Was: 3,1 km Rohrleitung werden durch einen 4,7 km langen Abschnitt mit offenem, mäandrierendem Flussbett ersetzt
Kosten: Bauvertrag: 137,2 Mio. Kč ohne Mehrwertsteuer, rund 5,6 Mio. €; genannter Förderbetrag aus dem Programm für einen gerechten Übergang: 196 Mio. Kč, rund 8 Mio. €
Zeitraum: Baustellenübergabe am 07.07.2026, Fertigstellung im ersten Halbjahr 2028 geplant
Prüfstand des tschechischen Originals: 12.08.2026. Anfahrt aus Dresden und Euro-Umrechnung ergänzt am 25.09.2026. Umrechnung nach dem Kurs der Tschechischen Nationalbank vom 24. September 2026: 1 Euro = 24,40 Kč. Die Euro-Beträge sind gerundet, gezahlt und vergeben wird in Kronen.

Foto: freedome, Wikimedia Commons, gemeinfrei
Wo entspringt die Bílina und wo mündet sie?
Die Bílina entspringt auf 825 Metern im Erzgebirge und mündet nach 81,4 Kilometern in Ústí nad Labem von links in die Elbe. Dazwischen fließt sie über Jirkov, den Ervěnický koridor, Most, Bílina und Teplice. Naturnah ist nur etwa ein Sechstel ihres Laufs.
Viele kennen die Bílina als den Fluss unterhalb des Bořeň. Weniger bekannt ist, dass sie hoch im Erzgebirge entspringt und erst in der Elbe endet.
Der Fluss ist 81,4 Kilometer lang, sein Einzugsgebiet umfasst 1.071 km². Er entspringt auf 825 Metern über dem Meer im Loučenská hornatina, einem Teil des Erzgebirges. Naturnah ist jedoch nur ungefähr ein Sechstel seines Laufs. Der Rest ist reguliert, eingetieft oder vollständig verrohrt.
Drei Kilometer, auf denen der Fluss unsichtbar bleibt
Im Ervěnický koridor fließt die Bílina durch vier Stahlrohre mit jeweils 1,2 Metern Durchmesser. Der Abschnitt ist 3,1 Kilometer lang. Die Rohre liegen auf verstellbaren Auflagern, damit sie nachjustiert werden können, wenn sich die Aufschüttung darunter setzt.
Nach 45 Jahren haben die Rohre das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Das Hauptproblem ist Lochfraßkorrosion. Ein Mitarbeiter der Instandhaltung beschrieb es anschaulich: „An irgendeiner Stelle entsteht immer eine kleine Vertiefung. Steht das Wasser dort unter Druck, schießt es schließlich heraus.“ Der Zustand wird dreimal wöchentlich kontrolliert, zuletzt noch häufiger.
Für Fische sind die Rohre eine Falle. Die Strömung spült sie hinein und erst drei Kilometer weiter wieder heraus. Jan Svejkovský, Generaldirektor des Wasserwirtschaftsbetriebs Povodí Ohře, erklärt das Problem: „In den Rohren wird das Wasser weder mit Sauerstoff angereichert noch hat es Kontakt zur Umgebung. Beides sind grundlegende Voraussetzungen für das Leben von Wasserorganismen.“
Warum der Fluss in Rohren verschwand
Wegen der Kohle und um die Stabilität des Damms zu sichern. Der Ervěnický koridor ist eine riesige Innenkippe zwischen den Tagebauen ČSA und Jan Šverma. Aufgeschüttet wurde sie ab 1957. Über sie verlaufen die Bahnstrecke Ústí nad Labem–Chomutov, die Straße I/13 und praktisch alle Versorgungsleitungen zwischen Chomutov und Most.
Wie eine solche Grube aus der Nähe aussieht, zeigen die Aussichtspunkte am Tagebau Bílina flussabwärts. Dort endet der Kohleabbau spätestens Ende 2033.
Die Aufschüttung ist nicht verdichtet. Versickerndes Wasser würde die Stabilität des gesamten Damms und beider Tagebaue gefährden. Deshalb wurde der Fluss verrohrt. Die Verlegung der Bílina war im April 1981 abgeschlossen, als erste der im Korridor verlegten Trassen. Der gesamte Verkehrskorridor ging erst 1984 in Betrieb.
Die Geschichte reicht noch weiter zurück. An der Stelle des heutigen Tagebaus ČSA lag einst der Komořanské jezero, während des größten Teils des Holozäns der größte See Böhmens. Die Bílina floss aus ihm ab. Bohuslav Balbín schrieb bereits 1679 über den See. In den 1830er-Jahren wurde er trockengelegt.

Foto: Petr Kinšt, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Das alte Flussbett lässt sich nicht wiederherstellen
Der Begriff „Rückkehr“ kann deshalb irreführen. Forbes beschreibt, warum die Wiederherstellung der alten Trasse „gar nicht mehr möglich ist: Das ursprüngliche Bett wurde stellenweise vollständig abgebaggert oder zugeschüttet. Auch die Höhenprofile haben sich verändert, sodass Gefälle und Verlauf des Flusses völlig anders wären.“
Was wird im Ervěnický koridor gebaut?
Auf 4,7 Kilometern entsteht ein offenes, mäandrierendes Flussbett; die 3,1 Kilometer Rohrleitung werden zurückgebaut. Dazu kommen eine Aue mit Tümpeln und Feuchtgebieten, raue Rampen aus Felsblöcken für Fische und eine Sanddüne. Sohle und Seiten werden abgedichtet, damit kein Wasser in die Kippe dringt.
Die Aufgabenbeschreibung ist nüchtern: Die Bauwerke der Flussverlegung sollen entfernt und durch ein offenes, mäandrierendes Flussbett ersetzt werden. Die wichtigsten Projektdaten:
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Länge der zu entfernenden Rohrleitung | 3,1 km |
| Länge des revitalisierten Abschnitts | 4,7 km |
| Verlängerung des Flusslaufs | durch die Mäander um mehr als 1,5 km |
| Üblicher Abfluss im Flussbett | etwa 1 m³/s |
| Abflusskapazität des gesamten Korridors | 11 m³/s, entsprechend dem hundertjährlichen Hochwasserabfluss aus dem Stausee Újezd |
| Bauherr | Povodí Ohře, staatlicher Betrieb |
| Bauunternehmen | RRR spol. s r.o. |
Um das Flussbett entsteht eine Aue mit Tümpeln, Feuchtgebieten und Flachwasserzonen. Am Anfang und Ende des Abschnitts werden raue Rampen aus Felsblöcken angelegt, damit Fische passieren können. Sohle und Seiten werden sorgfältig abgedichtet, damit kein Wasser in die Kippe eindringt. Nur kleinere Flächen werden bepflanzt; auf dem übrigen Gelände soll sich die Vegetation von selbst entwickeln.
Zum Projekt gehört auch eine Sanddüne. Dem Wasser unterhalb des Stausees Újezd fehlen Sedimente. Von der Düne soll es nach und nach Sand abtragen können.
Das kleine Wasserkraftwerk aus den 1990er-Jahren wird stillgelegt. Es nutzt heute einen Teil der Rohrleitung und verliert mit deren Rückbau seine Funktion. Strom wird es nicht mehr erzeugen, doch das Gebäude bleibt erhalten und dient künftig als technischer Betriebsstützpunkt.
Was das Projekt kostet und warum es sich verzögerte
Die Kostenschätzungen änderten sich innerhalb von zwei Jahren mehrmals. Deshalb stehen in älteren Berichten unterschiedliche Beträge. Die Tabelle zeigt die Entwicklung bis zum unterschriebenen Vertrag.
| Zeitpunkt | Betrag | Einordnung |
|---|---|---|
| September 2024 | 117 Mio. Kč rund 4,8 Mio. € | erste Schätzung von Povodí Ohře |
| Januar 2026 | 190 Mio. Kč rund 7,8 Mio. € | überarbeitete Schätzung |
| Mai 2026 | mehr als 203 Mio. Kč rund 8,3 Mio. € | Ansatz bei Ausschreibung |
| Juni 2026 | 137,2 Mio. Kč ohne MwSt. rund 5,6 Mio. € 166,0 Mio. Kč mit MwSt. rund 6,8 Mio. € | unterzeichneter Vertrag |
Der vergebene Auftrag lag damit deutlich unter der Schätzung. Für das Projekt wird außerdem eine Förderung von 196 Millionen Kronen aus dem Operationellen Programm für einen gerechten Übergang, rund 8 Millionen Euro genannt. Das Programm unterstützt Regionen beim Kohleausstieg.
Das Warten auf diese Förderung verzögerte den Baubeginn um ein Jahr. Ursprünglich sollten die Arbeiten im ersten Halbjahr 2025 beginnen und bis Ende 2027 abgeschlossen sein.
Die Entwicklung im Überblick
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| 1957 | Beginn der Aufschüttung des Ervěnický koridor |
| 1959–1960 | Ervěnice verschwindet; die Bevölkerung zieht nach Nové Ervěnice in Jirkov |
| April 1981 | Die Bílina wird verrohrt, als erste abgeschlossene Verlegung im Korridor |
| 1984 | Inbetriebnahme des Korridors; am 2. Juni fährt der erste Zug |
| 2024 | Eine Prüfung bestätigt das Ende der Lebensdauer der Rohre |
| 07.07.2026 | Povodí Ohře übergibt die Baustelle an RRR |
| erstes Halbjahr 2028 | geplante Fertigstellung |
| innerhalb von drei Jahren nach Fertigstellung | Fachleute erwarten die schrittweise Besiedlung der Mäander durch Pflanzen und Tiere |
Was ändert sich für die Stadt Bílina?
Direkt nichts. Die Baustelle liegt im Gemeindegebiet Vrskmaň zwischen Most und Jirkov, die Stadt Bílina selbst ist von den Bauarbeiten nicht betroffen. Keine der Quellen beziffert, wie viel sauberer das Wasser ankommt. Der Fluss in der Stadt bleibt in seinem ausgebauten Bett.
Die Baustelle liegt andernorts. Sie befindet sich im Gemeindegebiet Vrskmaň im Bezirk Chomutov, zwischen Most und Jirkov. Die Stadt Bílina selbst ist von den Bauarbeiten nicht betroffen. Keine der herangezogenen Quellen beziffert, wie viel sauberer das Wasser sein wird, wenn es die Stadt erreicht. Wer erwartet, dass damit auch die Probleme des Flusses unterhalb des Bořeň gelöst werden, wird enttäuscht.

Foto: Palickap, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Beachtung verdient das Projekt dennoch. Es ist der größte Eingriff in den Fluss seit 45 Jahren. Die Bílina wird im tschechischen Original als am stärksten verschmutzter Fluss des Landes bezeichnet. Hana Matějková vom Umweltzentrum Most ordnet die Entwicklung so ein: „Obwohl die Bílina weiterhin zu den am stärksten belasteten Gewässern im Einzugsgebiet der Ohře gehört, hat sich ihr ökologischer Zustand in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert.“
Auch in der Stadt Bílina ist der Fluss stark eingeengt. Laut einer 2023 von der Stadt beauftragten Studie zur Gestaltung des Flussufers ist das Bett eingetieft und von Ufermauern begrenzt. Die Ufer sind für die Bevölkerung praktisch nicht zugänglich. In den 1960er-Jahren wurde der Fluss für die Verlegung der Bahn und den Bau der neuen Straße I/13 umgestaltet. Dabei verschwanden das Wehr und die Steinbrücke.

Foto: Palickap, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Wie kommen Sie aus Dresden dorthin, und lohnt es sich jetzt schon?
Sagen wir es offen: Als Ziel für einen Tagesausflug taugt diese Baustelle nicht. Der Korridor liegt zwischen zwei ehemaligen Tagebauen im Gemeindegebiet Vrskmaň, es gibt keinen freigegebenen Spazierweg, keinen Aussichtspunkt und keine Infotafel. Der Weg führt hinter Petrovice von der A17 auf die tschechische D8, bei Ústí nad Labem auf die Straße 13 und dann an Bílina und Most vorbei. Unsere eigene Routenberechnung vom Hauptbahnhof bis Vrskmaň kam auf 116 Kilometer und 87 Minuten, ohne Stau und ohne Grenzwartezeit. Was Sie am Ende sehen, ist genau das, was dieser Artikel beschreibt: eine Landschaft, in der ein Fluss fehlt.
Interessanter wird die Fahrt, wenn Sie sie mit einem Ziel verbinden, das man betreten darf. Nach Bílina sind es vom Dresdner Hauptbahnhof rund 87 Kilometer und gut eine Stunde; dort fließt die Bílina sichtbar durch die Stadt, eingefasst zwischen Ufermauern, mit dem Bořeň im Rücken. Mit der Bahn geht es sogar ohne Auto: 8:50 Uhr ab Dresden Hbf, 10:05 Uhr an Ústí nad Labem hl. n., 10:30 Uhr weiter, 11:14 Uhr an Bílina, das sind zwei Stunden und 24 Minuten mit einem Umstieg. So sah die Verbindung an einem Freitagvormittag im Oktober in der tschechischen Fahrplanauskunft IDOS aus. Vom Bahnhof bis zum Fluss sind es ein paar Minuten zu Fuß.
Für die tschechischen Autobahnen brauchen Sie eine digitale Vignette. Im offiziellen staatlichen Shop kostet sie für einen Pkw mit normalem Antrieb 230 Kč für einen Tag und 300 Kč für zehn Tage, also rund 9 beziehungsweise 12 Euro. Auf der Straße 13 selbst brauchen Sie sie nicht, wohl aber auf der D8 dorthin.
Häufige Fragen
Wo fließt die Bílina?
Sie entspringt im Erzgebirge auf 825 Metern Höhe, fließt über Jirkov, den Ervěnický koridor, Most und Bílina durch den Raum Teplice und mündet in Ústí nad Labem von links in die Elbe. Ihre Länge beträgt 81,4 Kilometer.
Warum fließt die Bílina durch Rohre?
Wegen des Kohleabbaus und zur Sicherung des Ervěnický koridor. Der Korridor ist eine unverdichtete Aufschüttung zwischen Tagebauen. Versickerndes Wasser würde seine Stabilität und die beiden Tagebaue gefährden. Die Flussverlegung wurde im April 1981 abgeschlossen.
Kehrt die Bílina in ihr ursprüngliches Bett zurück?
Nein. Das alte Bett wurde teilweise abgebaggert, andernorts zugeschüttet. Zudem haben sich die Höhenverhältnisse verändert. Es entsteht ein völlig neues, mäandrierendes Flussbett in einem 4,7 Kilometer langen Projektabschnitt.
Wann sollen die Arbeiten fertig sein?
Die Baustelle wurde am 7. Juli 2026 übergeben. Die Fertigstellung ist für das erste Halbjahr 2028 geplant. Die Ausschreibungsunterlagen sahen Januar 2029 vor.
Wie viel kostet das Projekt?
Der unterzeichnete Bauvertrag beläuft sich auf 137,2 Millionen Kronen ohne Mehrwertsteuer, also rund 5,6 Millionen Euro, entsprechend 166,0 Millionen Kronen einschließlich Mehrwertsteuer, rund 6,8 Millionen Euro. Als Förderung aus dem Operationellen Programm für einen gerechten Übergang werden 196 Millionen Kronen genannt, rund 8 Millionen Euro.
Wie weit ist der Ervěnický koridor von Dresden entfernt?
Rund 116 Kilometer bis Vrskmaň, mit dem Auto etwa eineinhalb Stunden über A17, D8 und die Straße 13, mit Grenzübergang zwischen Breitenau und Petrovice. Zu sehen ist dort allerdings eine Baustelle ohne Zugang. Die Stadt Bílina liegt rund 87 Kilometer entfernt und ist mit der Bahn in zwei Stunden und 24 Minuten erreichbar, mit einem Umstieg in Ústí nad Labem.
Kann man dort spazieren gehen?
Noch nicht, das Gelände ist eine Baustelle. Ein Fußweg am neuen Flussbett wird erst für die Zeit nach Fertigstellung erwähnt, frühestens ab Sommer 2028. Einen Radweg bestätigt keine der genannten offiziellen Mitteilungen.
Wird man im neuen Flussbett angeln dürfen?
Ein neues Angelrevier wird erwähnt, allerdings ohne Termin und ohne Angabe, wer es verwalten soll. Das Leben soll schrittweise in den Fluss zurückkehren: zuerst einfache Organismen, dann Krebstiere und schließlich Fische. Dafür werden ungefähr drei Jahre nach Fertigstellung angesetzt.